Quo Vadis Kreuzfahrten?

Quo Vadis Kreuzfahrten?

von Manuela Hofmann

Ein Podcast von Dominik Reichert (www.travel-insider.de) mit Manuela Hofmann

Quo Vadis Kreuzfahrten - Interview mit Manuela von justtravelpassion.de (Teil 1 + 2)

Teil 1

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Teil 2

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Während sich die Menschen in Europa an Land nach und nach über Lockerungen der zum Teil sehr strikten Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen freuen, ist die Kreuzfahrtindustrie noch weit davon entfernt, wieder auf Kurs zu kommen.

Die Sorgen der Kreuzfahrtkonzerne

Die täglich anfallenden Millionensummen an Verlust, ohne Aussicht auf Erleichterung in absehbarer Zeit, treiben nicht nur den Chefs der 3 größten Kreuzfahrtkonzerne (Norwegian, Carnival und Celebrity) die Sorgenfalten auf die Stirn.
Die erste Reederei (Pullman Tours) hat in Spanien schon den Antrag auf Abwicklung gestellt. Auch kleinere unabhängige Reedereien kämpfen ums nackte Überleben mit einer sehr ungewissen Zukunft. Das ist die rein wirtschaftliche Seite der Krise – hier rächt sich auch die Tatsache, dass die meisten Reedereien ihre Schiffe in Steueroasen (wie z.B. den Bahamas) registriert haben und deshalb nicht auf Überbrückungshilfen ihrer eigentlichen Heimatländer hoffen können. Und bei Investoren sitzt das Geld gerade auch nicht so locker!

Probleme der Crewmitglieder

Zudem müssen bis heute auf vielen Kreuzfahrtschiffen noch Crewmitglieder ohne Brot und Arbeit (und somit ohne Gehalt) ausharren. Sie konnten noch nicht in ihre Heimatländer zurückkehren, weil die Grenzen geschlossen bleiben. Die meisten von ihnen bekommen kein Gehalt mehr, seitdem alle Passagiere von Bord sind – von diesem Gehalt haben sie bis anhin jedoch ihre Familien Zuhause ernährt und dafür sehr hart gearbeitet. Das ist eine menschliche Tragödie, die mich persönlich sehr berührt und die man nicht vergessen sollte!

Check-in Kreuzfahrtterminal Teneriffa

Die Passagiere

Und dann gibt es auch noch die zunehmend verärgerten Passagiere, die sich mit zum Teil sehr harten Worten darüber beschweren, dass AIDA, TUI etc. so lange brauchen, bis sie die stornierten Reisen zurückbezahlen und die keinesfalls Voucher für eine neue Reise akzeptieren würden, weil das „ja mal gar nicht geht“ – warum eigentlich, frage ich mich manchmal? Wurde in der Corona Krise nicht immer das „miteinander sind wir stark“, „gemeinsam schaffen wir das“ beschworen? Von dieser Solidarität scheint zumindest in dieser Branche nicht viel übriggeblieben zu sein.

Blick auf Funchal

Schattenseite der Kreuzfahrtindustrie

Hier zeigt sich für mich eine der ganz schwachen Seite der Kreuzfahrtindustrie vor Corona: immer grösser, immer mehr, immer billiger, immer gedankenloser! Kreuzfahrt war zum reinen Massenkonsumgut verkommen, das Schiff sollte das Ziel sein, nicht die spannenden Häfen, die neuen Länder, die Kontakte mit anderen Menschen, exotischen Märkte, atemberaubenden Landschaften!

Zu Tausenden wurden die Menschen zu Destinationen gebracht, wo an einem Tag unter Umständen mehrere Megaliner gleichzeitig ihre „Menschenware“ in einen kleinen Inselhafen  ergossen. Mich persönlich hat das schon vor 30 Jahren in der Karibik erschreckt – mittlerweile ist dieses Phänomen auf der ganzen Welt zu beobachten und ich verstehe, dass sich die Bewohner von Venedig, Barcelona und vielen anderen Städten gegen diese Menschenmassen der Kreuzfahrtschiffe wehren.

Und nein, sie müssen nicht dankbar sein, dass die Touristen kommen und ihr Geld bringen, denn es kommt nur sehr wenig beim einzelnen an, es sind „all inclusive“ Touristen, die die Infrastruktur benutzen aber kaum Geld ausgeben, denn die Mahlzeiten und Getränke haben sie ja an Bord schon voll umfänglich bezahlt, zum Friseur müssen sie an Land auch nicht und von den paar gekauften Kühlschrankmagneten und T-Shirts haben die Einheimischen auch nicht viel.

Die Ausflüge werden auch bequem bei der Reederei gebucht („da ist man sicher“) – was hat also eine Destination davon, wenn an einem Tag 8000 – 10000 Passagiere oder mehr von 3-4 Schiffen anlanden? Von den Hafengebühren abgesehen hauptsächlich viel schlechte Luft…. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema!

Der Lotse hat seine Arbeit getan

Gibt es Anknüpfungspunkte und Chancen nach der Krise?

Wo wird die Kreuzfahrtindustrie nach der Krise anknüpfen können? Welche Reedereien und Schiffe wird es überhaupt noch geben?
Die Fluggesellschaften stellen reihenweise ihre großen Maschinen (wie z.B. den von Passagieren so geliebten A380) in trockenen Wüstengebieten auf Langzeitparkplätzen ab – was machen die Reedereien mit ihren großen Schiffen und was passiert mit den vielen Schiffen, die auf den Werften gerade gebaut werden oder zur Auslieferung bereit sind?

Dieser gierige Gigantomanismus der Kreuzfahrtindustrie rächt sich bitterlich! Nun müssen sich die Reedereien kreative Lösungen einfallen lassen, um ihre Kunden interessiert zu halten oder neue Einsatzmöglichkeiten für Ihre Schiffe zu finden.

Ich habe die Industrie über die letzten Monate sehr interessiert verfolgt und festgestellt, dass es verschiedene Ansätze gibt.

Der Ausgangspunkt
Angefangen bei unglücklich durch die Weltmeere irrenden Schiffen (mit und ohne Corona an Bord) auf der Suche nach einem Hafen, der sie reinlässt und die Passagiere der eilig beendeten Reise mit Sonderflügen nach Hause bringt, massenhaft Umroutungen und schließlich Stornierungen von Kreuzfahrten (ja, auch wir waren mehrfach betroffen!), gefolgt von der Schockstarre einer gesamten Industrie. Es war wirklich apokalyptisch!

Alaska

Die ersten Wiederbelebungsversuche der Kreuzfahrtindustrie

Zunächst kamen die ersten Briefe der CEO`s der verschiedenen Reedereien, in denen den Passagieren versichert wurde, dass man der Sicherheit und Gesundheit von Crew und Passagieren oberste Priorität einräumt; na ja, wenn keine Schiffe mehr fahren, ist diese Versicherung ziemlich substanzlos und mutet eher wie ein Akt der Verzweiflung an.

Dann lockten die ersten Reedereien und verschickten tolle „neue“ Routenpläne für 2021 und 2022 mit der Versicherung, dass man völlig risikolos buchen kann, denn bei Abfahrt bis 30. September 2020 (und mittlerweile gilt das z.T. bis Ende 2021) dürfte man bis 48 Std. vor Abfahrt kostenlos von der Reise zurücktreten.
Ich bewertete dieses „Reiseversprechen“ eher als Möglichkeit für die Reedereien, in der kreuzfahrtfreien Zeit einen gewissen Cashflow zu generieren.
Man hört gemischte Stimmen aus der Industrie, ob das "Reiseversprechen" wirklich ein Argument dafür ist, gerade jetzt schon eine Kreuzfahrt zu buchen. Was sollen die Menschen auch Kreuzfahrten buchen, wenn sie nicht einmal wissen, ob sie ihre Jobs behalten werden oder vielleicht für eine längere Zeit in Kurzarbeit gehen müssen, wann man überhaupt wieder sicher reisen kann, im eigenen Land, in Europa, in der Welt, geschweige denn auf eine Kreuzfahrt gehen kann.
Noch ist kein Startschuss gefallen, noch sind die neuen Kreuzfahrtregeln bezüglich Abstand, Hygienemaßnahmen, Restaurant- und Theaterbesetzungen etc. nicht klar definiert.

Und noch weiß niemand, wann welche Häfen für Kreuzfahrtschiffe wieder öffnen werden.
Spanien hat in diesen Tagen klar gemacht, dass es erst "nach Corona" wieder losgeht mit Kreuzfahrtschiffen in spanischen Häfen - wann das sein wird, müsste uns der Blick in die berühmte Kristallkugel sagen.

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Corona und die Angst der Menschen

Uns ist aufgefallen, dass sich viele Menschen derzeit noch schwer damit tun, in ein Flugzeug zu steigen, an Orte mit größeren Menschenansammlungen zu gehen – und das hat nicht nur etwas mit der Maskenpflicht zu tun. Corona hat uns alle in unserem „Herdenverhalten“ geprägt. So sehr uns auch die sozialen Kontakte in all den Wochen gefehlt haben, mit „Tuchfühlung auf engerem Raum“ mit vielen unbekannten Menschen haben viele noch ein großes Problem. Man bleibt lieber im kleinen, vertrauten Kreis. Kein gutes Vorzeichen für einen bombenmäßigen Neustart der großen Megaliner der Kreuzfahrtindustrie.

Vielleicht haben es da die kleineren Schiffe mit den interessanten Routen, die immer schon mehr Platz pro Passagier geboten haben, wo man schon immer am Buffet bedient wurde etwas einfacher. Nur die kann sich halt nicht jeder leisten.

Ich gebe es ehrlich zu: auch wir haben unsere erste Nach-Corona-Kreuzfahrt erst für Dezember 2021 vorgesehen – bis dahin ist es ja noch weit hin und vielleicht gibt es bis dahin Impfstoff und Behandlung, vielleicht aber auch aus dem Gefühl heraus, dass man sich nicht getraut, sich in großen Zukunftszeiträumen festzulegen und zu planen. So wird es vielen, wahrscheinlich den meisten gehen. Urlaub und Reisen: ja, unbedingt, aber besser in der Nähe, mit dem eigenen Auto, welches eine Art „Schutzschild“ um unsere zutiefst verunsicherte Seele bietet.

Die Welt und Corona

Zukunftsplanung ja, aber mit Kreativität

Zugegebenermaßen ist das keine gute Planungsunterstützung für die Kreuzfahrtindustrie, die sicherlich alles versucht und daran setzt, Kreuzfahrten so sicher wie nie zu machen, unter den strengen Augen der Gesundheitsbehörden dazu verpflichtet und unter dem wachsenden wirtschaftlichen Druck dazu genötigt – man kann nur hoffen, dass die Quadratur des Kreises gelingt und sich der Mensch/Kreuzfahrer tatsächlich als ein schnell vergessendes und verzeihendes Wesen entpuppt und die Reiselust wieder genügend Menschen erfasst, damit sich eine gesamte Branche wieder erholen kann und alle damit zusammenhängenden Arbeitsplätze wieder gesichert werden können!

Vielleicht tauchen ja auch plötzlich ganz andere kreative Verwendungsmöglichkeiten für manche Schiffe auf – z.B. werden dann die großen Transreisen wieder in Mode kommen: anstatt mit dem Flugzeug von Europa nach Südamerika, nach Australien, Neuseeland oder nur bis New York, mit wenigen Stopps, dafür viel Interessantes an Bord, evt. werden die Routen kürzer und die Aufenthalte in den Häfen sehr viel länger (Overnights in Häfen sind sehr beliebt und kreieren auch mehr Einkommen für die lokale Bevölkerung als die typischen 8-18 Aufenthalte, jeden Tag in einem anderen Hafen). Vielleicht finden zu große Schiffe aber auch eine neue Verwendung für betreutes Wohnen….

Zukunft

Kreativer Neustart des Kreuzfahrttourismus oder Altes neu aufgelegt?

Ich wünsche mir, dass ich in einiger Zeit darüber schreiben kann, dass der Neustart gelungen ist, dass sich die Häfen langsam wieder für Kreuzfahrtschiffe geöffnet haben, dass Kreuzfahrten gesundheitlich unbedenklich angetreten werden können, dass die Reedereien ihre ältesten „Dreckschleudern“ ausgemustert haben und das nachhaltiger Tourismus auch für die angelaufenen Häfen zur Unterstützung der lokalen Wirtschaft beiträgt, dass Kreuzfahrtschiffe nun nicht mehr nur „Bespaßungsmaschinen“ und schwimmende Bars sind, sondern Menschen verschiedener Länder und Herkunft zusammenbringen, dass man rücksichtsvoller miteinander umgeht – ach wie schön wäre es, wenn dieses Utopia eines Tages Realität werden könnte!

Was denkst Du?

Was denkst Du, wie die Kreuzfahrt der Zukunft aussieht, was hast Du für Ideen für Reedereien, was mit der Überkapazität an Schiffen passieren soll?

Uns interessiert Deine Meinung, Deine Wünsche an die Kreuzfahrt der Zukunft und Deine Gedanken, wie sich die Kreuzfahrt verändern könnte und sollte.

Schreib uns – wir freuen uns auf Dein Feedback!

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