Gastbeitrag von Jürgen T.
Jürgen T. lebt und arbeitet seit 2014 auf La Gomera.

Nur wenn man selber auf einer Insel wie La Gomera lebt, wenn man den täglichen Lebensrhythmus spürt, wenn man Natur und Kultur erlebt und wenn man sich auf die Gegebenheiten  des Insellebens einlässt kann man authentisch darüber berichten, weil man ein Teil des dortigen Lebens ist.

Dankeschön für deinen Beitrag, Jürgen

La Gomera - eine Insel mit Liebe zum Detail

Schroffe Berge, steile Küsten - La Gomera

Unsere Insel, La Gomera, liegt schon etwas schroff vor einem, wenn man mit der Fähre langsam näher kommt. Steilküsten und Basaltwände wirken abweisend, wecken aber auch die Forscherlust. Und diese Lust des Erforschens ist es, die einem La Gomera mit all seinen kleinen Schätzen näher bringt.
Hochhäuser, Kinos, Schoppingmeile? Alles Fehlanzeige. Und gerade was es hier nicht gibt, lässt die magische Entspanntheit und Ruhe auf der Insel erst zutage treten. Nur 22 Tausend Einwohner und maximal 7 Tausend Gäste verteilen sich sehr gut und oft ist man bei Wanderungen lange Zeit ungestört.
San Sebastian de la Gomera vom Schiff gesehen

Ein Wanderparadies der Sonderklasse

Das Wegenetz ist ein rechtes Wanderparadies und wer auch stärkere Steigungen nicht scheut, der kann Tagelang neue Routen erforschen. Bei El Cedro gibt es auch gemütliche flache Waldwege und die Kapelle Lourdes mit dem Bächlein neben dran ist ein feiner kleiner Ort mitten im Lorbeerwald. Wenn dort die Nebelschwaden das Sonnenlicht auf den Boden filtern und Flechten und Moose tropfend von den Bäumen hängen, denke ich immer an alte Märchen und Sagen. Um den Lorbeerwald im Weltnaturschutzerbe Garajonay so richtig zu verstehen, empfiehlt sich vorher ein Besuch im Besucherzentrum "Juego de Bolas", wo auf Spanisch oder Englisch alles hervorragend erklärt ist und im Garten außen herum die Blüten von Yuccapalme, Protea (Zuckerbüsche) oder Aeonium um ein Foto wetteifern.

Das Blätterdach des Garajonay Nationalparks, Gomera

Lorbeerwald - lebende Fossilien

Der Lorbeerwald ist hier in seiner Zusammensetzung ein einzigartiges Relikt. Vor vielen Millionen Jahren gab es diese Wälder häufiger, aber die Eiszeit hat kaum was übrig gelassen. Somit bist du von lebenden Fossilien umgeben und gleichzeitig in dem Fleckchen Europas, wo es die meisten endemischen Pflanzen und Tiere pro Quadratmeter gibt. Aber wo sind sie nur? Nun die Lorbeerbäume sind anders als der Gewürzlorbeer, den wir zum Kochen kaufen, und die vier Arten lassen sich am Blatt unterscheiden. Die Erika wird hier als Baumheide oft über zehn Meter hoch und bringt ein Meer aus weißen kleinen Blüten im Frühling, während der Boden oft von unzähligen lila Storchschnäbel bedeckt ist.

Bäume im Garajony National Park, Gomera
Lichtspiel in den Baumwipfeln

Die Tiere sind oft klein, nachtaktiv oder versteckt. Da hilft nur beim Wandern mal innezuhalten und in der Pause ganz leise zu sein. Nach wenigen Augenblicken scharrt dann die Amsel im Blätterwerk, eine Königslibelle brummt vorbei, Kanarienvögel stimmen ein Lied an, Bussard und Turmfalken rufen von Weitem und der krönende Abschluss ist eine der ganz seltenen Lorbeertauben mit der weißen Schwanzspitze. Diese saß die ganze Zeit, über uns auf einem Ast, und jetzt fliegt sie gurrend davon.

Felsformation, La Gomera
Blick nach Plaza Santiago

Zeitgeschichte in Stein

Auch die grauen Basaltfelsen haben ihre Schönheit eher im Detail: wer genau hinsieht entdeckt eingesprenkelte Mineralien. Schwarzer Augit, goldgrüner Olivin, weißer Calcit und rostorangener - ähh - wieder Olivin - halt nur mehrere Millionen Jahre alt. La Gomera hatte von allen kanarischen Inseln Ruhe vor Vulkanausbrüchen, darum gibt es hier in vielen Tälern gleich mehrere Zeitalter Steingeschichte an den freigelegten Wänden zu beobachten. Vom pyroklastischen Gekräusel über orangene Schichten gepresster Aschetuffe bis hin zu fantastischen Basaltsäulen.

Ein Spiel mit Freunden

In der Ruhe liegt die Kraft

Passend zur Entspanntheit fliegt auch der Turmfalke nicht im hektischen Rüttelflug, sondern stellt sich gemütlich gegen den Wind und tariert mit den Schwanzfedern. Auch die einheimische Bevölkerung lässt es oft ruhig angehen. Typisch ist der Nachbar, der sich an deinem Auto halb zum Fenster reinhängt und ausgiebig den neuen Tratsch mit dir bequatscht. Kurzes Hupen von wartenden Autos wird als Begrüßung interpretiert und man wird zurückgegrüßt - ein kulturelles Missverständnis der besonderen Art.

La Gomera, man trifft sich beim Dorfplatz

Afrika, Europa, und Amerika vermischt

Sowohl bei Pflanzenherkunft, Kirchenbau und lokaler Musik wird deutlich, dass La Gomera ein Knotenpunkt zwischen Afrika, Europa und Amerika ist. Mexikanischer Kaktus wächst neben afrikanischer Dattelpalme. Maurischer Baustil geht in gotische Elemente über. Die Musik der Feier im abgelegenen Dorf mischt den Klang afrikanischer Klanghölzer mit dem Rhythmus des Punto Cubano.

Fazit

Fazit: wer gemütlich der Insel La Gomera begegnet und sich auf die Besonderheiten im Detail einlässt, der wird mit fantastischen Sinneseindrücken belohnt.

Autor: Jürgen T.

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